22.06.2011

Medinger Altäbtissin Helge von Bülow 100 Jahre alt

Von Ute Bautsch-Ludolfs/Bad Bevensen

Altäbtissin Helge von Bülow anlässlich ihre 99. Geburtstages im Jahr 2010
Foto: Ute Bautsch-Ludolfs/Bad Bevensen

Die Altäbtissin von Kloster Medingen Helge von Bülow feierte am 22. Juni 2011 ihren 100. Geburtstag. Seit ein paar Jahren lebt sie in einem Seniorenheim in Medingen in der Nähe des Klosters, ihrer Wirkungsstätte, wo sie von 1972 bis 1989 Äbtissin war. In ihrer Amtszeit entwickelte sie eine rege Bautätigkeit für das Kloster, das laufend renoviert wurde, öffnete das Haus für Konzerte. Anlässlich ihres Geburtstages fand im Kloster ein Festakt mit geladenen Gästen statt.

Helge von Bülow ist in ihrem Zimmer, in das sie nach gesundheitlichen Einschränkungen vor wenigen Jahren zog, umgeben von Bildern und Portraits ihrer Vorfahren. Vor ihr steht ein Schutzengel aus Olivenholz aus Bethlehem. Ein Stückchen weiter wartet ein Bewegungs-Regenerator auf Aktivität. "Den Radler habe ich von meiner Schwester, die ist schon über 90", bemerkt sie. Auf dem Tischchen daneben liegt ein aufgeschlagener Terminkalender. Für jeden Tag findet sich mindestens ein Eintrag, denn die würdevolle, kluge, alte, recht selbstbestimmte Dame ist mit vielen Menschen vernetzt, und es ist daher gar nicht so einfach, noch einen Audienztermin so kurz vor ihrem Fest zu bekommen. Neben den Mitarbeitenden des Senioren- und Pflegeheims Heinemann bekommt sie täglich Besuch von außerhalb. . Viele lesen ihr vor, denn Helge von Bülow kann nicht mehr richtig sehen. Da findet sich die Dichterreise von Axel Kahr, ein Buch über die Evangelischen Klöster Niedersachsens, Manfred Rommels Buch "Trotz allem heiter", daneben liegt ein Artikel aus der Zeit über das Ascot-Pferderennen und ihr geschätztes Magazin "Monumente" über Denkmalkunde in Deutschland und natürlich das "Deutsche Adelsblatt", aus dem sich viel über ihre Verwandtschaft erfahren lässt.

Neben dem Zuhören spielt das Nachbesinnen eine große Rolle. "Ich denke über mein Leben nach", bekennt sie und "das ist von Fügungen geprägt". Sie beginnt von diesen richtungweisenden Einschnitten detailliert zu erzählen,. Etwa als es ihr Ende des Krieges gelang, Freifahrscheine zu bekommen und zu ihren Verwandten nach Molzen zu fahren, statt zurück nach Berlin zu ihrer Arbeitsstelle im Reichsluftfahrtministerium.

Helge von Bülows Wurzeln sind in Bad Doberan, und zusammen mit ihren zwei Schwestern verbrachte sie eine wohlbehütete Kindheit, viel auch auf dem großelterlichen Gut Koberow bei Laage. Nach Schulabschluss und Ausbildung führte sie die Lust am Sprachenlernen nach London und Paris. Als Begleitung eines amerikanischen Ehepaars ging es um die Welt bis zum Kriegsausbruch. 1939 wurde Helge von Bülow wieder auf ihre alte Dienststelle verpflichtet, wohnte erst im D-Zug-Waggon, dann in einer Kaserne, anschließend im Hotel. Von Molzen aus ging sie 1951 mit ihrer Mutter zur jüngeren Schwester nach Brasilien und arbeitete dort bis zur Pensionierung 1971 als Chefsekretärin in der Vertretung der Deutschen Überseeischen Bank in Sao Paulo."Ich war glücklich in Brasilien", fügt sie an.

Viele unterschiedliche Mosaiksteine ihres Lebens puzzeln sich zu einem großen Ganzen, geprägt vom Glauben. Ihren Konfirmationsspruch, der ihr im Leben Lenkung gab, hat sie natürlich parat.

Befragt, was es wohl sein mag, dass sie solch ein hohes Alter erreicht hat und zufrieden ist, sagt sie mit einem Wort: "Geduld!". Lange überlegt sie die Antwort auf die Frage nach Wünschen. Geradezu verschmitzt, bescheiden und für den Zuhörenden ganz unerwartet antwortet sie: "Es könnte ein bisschen mehr Spargel im Speiseplan sein!"